Wenn sich Jung und Alt zusammentun
Ob im Familienunternehmen, beim gemeinsamen Urlaub, im Mehrgenerationenhaus oder am Bauernhof: Was braucht es, damit die junge und die ältere Generation vom Miteinander profitieren?
Als Heinrich Hartl sen., 72, vor Kurzem drei Wochen auf Kur war, lief im Weingut Hartl alles in gewohnten Bahnen. Und doch war es nicht wie sonst. „Mein Schwiegervater liefert viel Wein aus, er übernimmt Reparaturen und erledigt viele kleine Wege für uns im Alltag“, sagt Marie-Sophie Hartl. „Dass er nicht da war, war spürbar.“ Die 37-Jährige steht im gepflasterten Innenhof des Weinguts im niederösterreichischen Oberwaltersdorf. Im Keller lagern Weine wie Pinot Noir und die ortstypische Sorte Rotgipfler, in der Fahrzeughalle stehen die Traktoren. Marie-Sophies vier Kinder klettern auf den Eichenholzfässern, die im Hof abgestellt sind.
Das Weingut Hartl ist eines von vielen Familienunternehmen in Österreich, in dem die junge und die alte Generation miteinander arbeiten. Heinrich jun., Marie-Sophies Ehemann, ist der „Chef“ im Betrieb, den er 2011 in sechster Generation übernommen hat. Seine Eltern haben damals die Verantwortung abgegeben, helfen aber weiterhin mit. Beim Abfüllen und Ausliefern des Weines, bei der Weinlese, bei der Betreuung der Enkel. Praktisch: Die Großeltern haben Heinrich jun. und seiner Familie das Haus überlassen, leben aber nur wenige Häuser entfernt.
Extrem viel gearbeitet
Wie funktioniert es, wenn Jung und Alt Seite an Seite arbeiten? Bei den Hartls erstaunlich gut. Sicher, es gab und gibt auch hier manchmal Diskussionen. „Meine Schwiegereltern haben immer extrem viel gearbeitet“, erzählt Marie-Sophie. „24 Stunden, sieben Tage die Woche“, ergänzt Heinrich jun. Auch sonntags war der Heurige im Haus geöffnet und Kunden wurden jederzeit empfangen. Marie-Sophie und Heinrich jun. machen das heute anders.
Daniela Gramelhofer begleitet als eingetragene Mediatorin Familien bei Hofübergaben, Unternehmensnachfolgen oder internen Konflikten. Dass die junge und die ältere Generation unterschiedliche Zugänge zu Arbeit und der Vereinbarkeit von Job und Familie haben, begegnet ihr sehr häufig. „Für die ältere Generation waren damals Sparen, Funktionieren und Leistung wesentlich. Sie haben gelebt, um zu arbeiten. Die jüngere Generation durfte in einer anderen Sicherheit groß werden und hat eher gelernt, auf sich und die eigenen Bedürfnisse zu achten. Sie arbeitet, um zu leben.“ Treffen diese zwei Haltungen in einem Familienbetrieb aufeinander, komme es häufig zu Reibereien. Weil die Erwartungen an die jeweils andere Generation sehr unterschiedlich sind.
Daniela Gramelhofer, Mediatorin für Familien
Text: Sandra Lobnig⎪Fotos: Barbara Nidetzky, Mag. Daniela Gramelhofer